Ich hoffe, ihr habt ein wenig Zeit mitgebracht. Wenn euch interessiert, wie Michel Houllebecqs Begeisterung für Lovecraft, die Rassismus-Vorwürfe gegen beide Literaten, Nihilismus, Cosmicism und religiöser Fundamentalismus zusammenhängen könnten, sei euch dieser Artikel im Lovecraftezine von Paul St John Mackintosh empfohlen.

Spannend wird es, wo wir an die aktuellen Diskussionen um Houellebecq anschließen können und auch noch Nietzsche ins Spiel kommt. Mackintosh schreibt:

Lovecraft’s cosmicism is now classed under one of the literary offshoots of existential nihilism. And Ligotti rightly links this to Nietzsche, who as he says, “not only took religious readings of life seriously enough to deprecate them at great length, but was hellbent on replacing them with a grander scheme of goal-oriented values and a sense of purpose that, in the main, even nonbelievers seem to thirst for.” And after an early flirtation with nihilistic atheism, Houellebecq seems to be following precisely that path – so long as he can get in a few hits on French secular rationalism and the Enlightenment in the process. “Atheism and secularism are dead, so is the French republic,” he proclaims, “More and more people can’t stand living without God.”

Da haben wir wieder dieses antiaufklärerische Moment, das mich bei Houellebecq immer gestört – und verwundert hat, denn seine Bücher regen ja durchaus zu „aufklärerischer“ Auseinandersetzung an, egal, was da nun im Wortlaut steht.

Da beim Charlie-Hebdo-Attentat Bernard Maris, ein enger Freund Houellebecqs, ums Leben kam, und zeitgleich sein neuer Roman „Soumission“ (dt. „Unterwerfung“) auf den Markt kam, ist der französische enfant terrible gerade in aller Munde und auch bei der SZ im Interview. Da bietet sich das Bild eines Menschen, der über kein wirklich kohärentes Weltbild verfügt:

Gespräche mit Houellebecq sind grotesk und zugleich angenehm. Grotesk, weil er so schrullig ist. Er kaut seine Zigaretten mehr, als dass er sie rauchen würde, der Filter ist nach wenigen Zügen komplett zerquetscht. Er fährt sich im Auge rum, stößt seltsame Laute aus, so als sei inwendig etwas verrostet, und er empfängt in der Hochwasserhose vom vorhergehenden Abend, nur dass sie jetzt über und über mit Zahnpasta bespritzt ist. Aber er ist ausnehmend freundlich, uneitel, ruhig und im Verlag schwärmen sie alle, wie unkompliziert es mit ihm sei.

M.H.: Aber die Aufklärung hat den Menschen die Religion genommen. Und es geht nicht ohne Religion.

SZ: Sind Sie denn selbst gläubig?

M.H.: Nein, das ist ja das Tragische. Ich versuche es immer wieder. Seit ich 13 bin, denke ich, das Universum ist so unfassbar – es kann doch nicht sein, dass das alles einfach so da ist. Aber es gelingt mir trotzdem nicht, zu glauben.

[…]

SZ: [Sie haben den Koran in einem Gerichtsverfahren als der Bibel unterlegen bezeichnet, weil diese wenigstens stellenweise Poesie enhalte.] Würden Sie das heute auch noch sagen?

Überhaupt nicht. Ich habe mittlerweile den Koran gelesen, hat mir gut gefallen.

Das wiederum passt ja ganz gut dazu, wie Antiaufklärer gewöhnlich argumentieren – ohne Basis. Jedenfalls bin ich nach diesen Artikeln auch nur bedingt schlauer, was ich von Houellebecq halten soll, aber die Lektüre hat sich gelohnt.

PS: Houellebecqs Essay „Gegen die Welt, gegen das Leben“ über Lovecrafts Weltsicht und Spleens ist weiterhin eine dringende Lektüreempfehlung. Es ist etwas schwer, an das deutsche Büchlein heranzukommen – Amazon listet Ausgaben ab 50 Euro für 130 Seiten –, aber es lohnt sich. Staatsbibliotheken sind eine gute Adresse. (Das Exemplar der Münchner Stabi liegt gerade bei mir, mea culpa.)

(c) Coverbild: Mariusz Kubik, http://www.mariuszkubik.pl. // License.

2 Gedanken zu “Wochenendlektüre: Houellebecq und Lovecraft

  1. Ja, Houellebecq hat in Lovecraft einen Seelenverwandten gefunden: das Grauen von den Sternen ist auch das Grauen vor den Nachbarn :0). Xenophobie und deren Überwindung, das ist das Thema.
    Ein kohärentes Weltbild hat ohnehin niemand – und diejenigen, die meinen, eines zu haben, nennt man üblicherweise Fanatiker. Ein solcher ist Houellebecq nicht – eher nachdenklich anders und sich seiner Ängste bewusster als Lovecraft, ist mein Eindruck.

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