Rezension: Das schwarze Auge – Satinavs Ketten

Nach langer Zeit der Absenz meldet sich DSA wieder in der Videospielwelt. Nach dem genialen „Drakensang – Am Fluß der Zeit“ und dem weniger genialen Addon „Phileassons Geheimnis“ gibt es nun wieder Nachschub für aventurische PC-Spieler. Wer aber wieder ein schönes Rollenspiel erwartet, dem kann ich gleich eine Enttäuschung vor die Füße werfen, diesmal ist mit „Satinavs Ketten“ für den Heimrechner am 22. Juni 2012 ein waschechtes Point & Click-Adventure der alten Schule erschienen!

Bei mir kam gleich die Frage auf: „Wer macht heutzutage noch Point & Click-Adventures?“ Und dann als ich den Namen der Entwickler gesehen hab, bin ich erstmal freudig jauchzend durchs Zimmer gehüpft (obwohl man bei meiner Körperfülle durchaus eher „gestampft“ sagen könnte). Es ist Daedelic Entertainment! Das hamburgerische Team brachte in den letzten Jahren einige Point & Click-Adventures auf höchstem Niveau heraus und ich oute mich hier als kleinen Fan des Studios. Wer neben „Satinavs Ketten“ noch andere Spiele dieser kreativen Köpfe ausprobieren möchte, dem lege ich noch „A New Beginning“, „The Whispered World“ und die beiden genialen Adventures „Edna bricht aus“ und „Harveys neue Augen“ ans Herz.

Die Spiele von Daedelic zeichneten sich immer durch tolles (oldschooliges) Artwork, interessante Geschichten mit großen Wendungen, wundervoller Musik und angenehm fordernden und spaßige Rätseln aus. Kann „Satinavs Ketten“ da mithalten?

Der Hintergrund:

Der Schauplatz des Spiels ist Aventurien, genauer gesagt, Andergast und Umgebung. Der Protagonist ist Geron, ein magiedilletantischer Vogelfänger, der nichts als Flausen im Kopf hat und in der Hauptstadt sehr unbeliebt ist. Zu Beginn des Spiels nimmt er an einem Spiel teil, welches der König zu Ehren einer bevorstehenden Friedensfeier mit Nostria ausführt. Jeder Teilnehmer muss eine festgelegte Anzahl von Eichenblättern eines vorher für den Teilnehmer bestimmten Materials sammeln, um zu gewinnen und die Ehre zu erhalten vor den König zu treten, damit er ihm seinen Respekt erweisen kann. Natürlich ist das für Geron nicht so leicht, denn seine Rivalen triezen ihn bis auf’s Blut und die Blätter erstmal zu finden ist auch kein leichtes Unterfangen. Dummerweise scheint Andergast von einer Rabenplage heimgesucht, die etwas mit einem Seher, der vor 13 Jahren am Scheiterhaufen verbrannt wurde, zu tun hat. Und wie es der Leser dieses Artikels sicher ahnen wird, fällt Geron direkt in die missliche Lage diesem Fall auf den Grund zu gehen. Seine Reise führt ihn weit weg von zuhause, er trifft magische und nichtmagische Wesen, Freunde, Verbündete und Ganoven und muss am Ende schließlich sein Schicksal finden.

Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, nicht mehr zu verraten, aber Daedlic Entertainment hat es wieder geschafft eine spannende, schöne Geschichte zu erzählen. Sie ist an manchen Stellen etwas abgefahren und erreicht nicht die Tiefe der Geschichten aus frühreren Werken des Studios, kann sich aber dennoch sehen lassen. Ich würde es als erwachsenes Märchen bezeichnen.

Gameplay:

Satinavs Ketten ist ein modernes Point & Click-Adventure d.h. man steuert über vorgegebene Hintergründe eine Figur und kann bestimmte Gegenstände und Personen anklicken und mit ihnen agieren. Der Spieler muss verschiedene Gegenstände einsammeln, sie im Inventar miteinander kombinieren oder sie mit der Umgebung benutzen und Informationen aus Nichtspielercharakteren herauskriegen, um weiter zu kommen. Diese Kombinationsarbeit ist das Herzsstück des Spiels: Oftmals muss man um die Ecke denken, um an bestimmte Gegenstände zu kommen oder sie entsprechend geschickt zusammen bauen, um an weitere Schauplätze zu kommen oder bestimmte Effekte zu erzeugen. Geron erhält im Laufe des Spiels noch zwei kleine Zauberfähigkeiten, die man ebenfalls in die Rätsel einbauen muss. Während anfangs diese Rätsel sehr simpel und einfach sind, werden sie ungefähr ab der Hälfte deutlich kniffliger, in einem bestimmten Kapitel sogar etwas unfair, weil man abstrakt denken und teilweise völlig sinnfreie Handlungen durchführen muss. (Stichwort: Feen! Jeder DSA-Spieler facepalmt sich wohl grade) Dennoch macht es tierisch Spaß zu knobeln und rumzuprobieren, was funktioniert. Alternativen gibt es nicht, es führt nur ein Weg zur Lösung.

In den Dialogen mit den Nichtspielerfiguren hat man vorgegebene Dialogoptionen, durch die man sich meistens durchklicken muss, selten hat man die Möglichkeit sich gezielt  durchzuklicken, um z.B. an einen Gegenstand zu kommen. Oftmals wird einem Entscheidungsfreiheit vorgegaukelt, weil man bei einem Dialog die Möglichkeit hat zu widersprechen, zu schmeicheln o. ä., aber am Ende verlangt das Spiel doch eine bestimmte Auswahl und führt den Spieler eben zu dieser.

Was typisch für Point & Click ist, ist die Tasache, dass der Protagonist nicht sterben kann. Das ist eine kleine Tradition im Genre und die wenigstens haben es bisher gewagt mit dieser zu brechen. Egal, was man tut, egal, in welch gefährlicher Situation man sich befindet, Geron wird ablehnen etwas bestimmtes zu tun oder es geschieht etwas, damit er sich retten kann oder gerettet wird.

Bugs hatte ich bisher einen einzigen, der mich an einer Stelle gehindert hat, weiter zu kommen, weil ein Gegenstand nicht mehr anklickbar war, was sich nur durch das Laden eines alten Spielstandes reparieren ließ. Etwas suboptimal, aber zum Glück ein Einzelfall.

Manchmal nervig können die Ladezeiten zwischen den Bildschirmen sein d.h. wenn man ein Gebiet verlässt und ein neues betritt. Das Spiel lädt jeden Ort mit einem Ladebalken nach, anstatt alles vorher zu laden und im Spiel einfach über zu blenden. Ja, die Ladezeiten sind zwar nicht lang, aber wenn man schnell wo hin möchte, kann das durchaus ärgern.

Grafik:

Wie von Daedelic Entertainment erwartet, ist das Artwork wieder großartig. Die Hintergründe scheinen einem etwas gröber gemalten Gemälde entsprungen zu sein und die Figuren sind in einem pseudorealistischem Comicstil gezeichnet. Worüber ich aber etwas mosern muss, sind die Animationen. Sie wirken hölzern und nicht flüssig, Lippenbewegungen erinner mich sogar an alte „Monkey Island“-Zeiten. Das ist zwar schade, man gewöhnt sich aber daran und übersieht dieses Manko. Irgendwie scheint diese Art der Animation auch gewollt, denn wenn man die anderen Spiele des Studios gespielt hat, weiß man, dass die Leute vor dem Programmiercode es durchaus besser können.

Öfters dagegen, wenn ich mich schnell von einer Seite des Bildschirms des anderen bewegen wollte, hing das Spiel gerne ein bis zwei Sekunden. Ich habe einen sehr guten Rechner und andere Spiele mit höheren Anforderungen laufen problemlos. Warum hängt das Spiel manchmal? Muss es die Animation laden? Ich weiß es nicht, aber es hat auf Dauer etwas genervt, weil dadurch der Spielfuß gehemmt wird.

Sound:

An der Musik gibt es nichts zu meckern, gar nichts! Die Stücke sind wunderschön und verbreiten eine passende Atmossphäre zum Geschehen. Definitiver Daumen hoch! Die Geräusche sind Standard und scheinen teilweise aus einer allgemeinen Datenbank zu stammen. Ich habe öfters sogar den berüchtigten Wilhelmsschrei entdeckt!

Die Sprecher sind allesamt zwischen sehr gut und durchschnittlich. Daedelic Entertainment engagiert meistens eher unbekannte Sprecher, um bei den Figuren nicht irgendwelche Assoziationen hervorzurufen. Die meisten Figuren sind sehr gut vertont, aber hin und wieder gibt es mal einen, der seinen Text etwas lustloser vorliest. Aber zum Glück nagt das nur minimal an der Atmossphäre.

Ist es DSA?

Versoftungen von typischen Pen & Paper-Rollenspielen müssen sich immer vor dem Spielergericht verantworten, hier keine Ausnahme. Aber freut euch, ich kann Entwarnung geben. Daedelic Entertainment hat mit den DSA-Autoren zusammengearbeitet und man kann sagen, Satinavs Ketten ist DSA-tauglich. Die Welt und die Figuren sind DSA-typisch ins Szene gesetzt: naiv, mit feinem Humor, etwas Ironie und einem leicht deftigem Unterton. Andergast sieht aus wie Andergast. Es ist ein Drecksloch. Die Schweine suhlen sich im Schlamm, die Menschen sind mürrisch und einfach. Natürlich entspricht die Akademie von Andergast nicht ganz dem Plan aus dem Quellenbuch, aber das ist zu verschmerzen. Was wirklich gut getroffen wurde, sind die Feen. Das ist vielleicht etwas gespoilert, aber ich empfand die Darstellung einfach passend und atmossphärisch. Es fühlt sich an wie DSA, auch wenn es ein paar zu diskutierende Punkte gibt. Die Story ist austauschbar was Fantasy betrifft und könnte durchaus in anderen Fantasywelten adaptiert werden, ohne zu merken, dass es mal eine DSA-Geschichte war. Kleinere Sachen sind neu erfunden worden, damit es ins Spiel passt und ist in keinem Quellen- oder Regelbuch verzeichnet. DSA ist ja sehr, sehr detailliert gestaltet und viele DSA-Spieler achten darauf, dass alles so ist, wie es im Buch steht. Das ist bei „Satinavs Ketten“ an manchen Punkten nicht so, aber es stört nicht, weil es für die Spielwelt logisch und passend erscheint.

Also kann man sagen: Es ist DSA!

Fazit:

Auch wenn „Satinavs Ketten“ als reines Spiel nicht die Klasse eines „The Whispered World“ oder gar „Edna bricht aus“ erreicht, kann ich es für Point & Click- und DSA-Fans uneingeschränkt weiterempfehlen. Es ist spannend erzählt, besitzt nette Rätsel, an denen man knabbern kann, sympathische Figuren und hat kaum Längen. Es ist kein Lizenzschrott, sondern ein schönes Spiel mit dem man sich gemütlich ein paar Abende beschäftigen kann. Das Spiel ist keins, welches man monatelang spielen kann, wenn man die Kombinationsversuche herauslässt, unterhält einen das Spiel ungefähr 10-15 Stunden. Wer sich das Spiel kauft und weiß, was ihn erwartet, wird nicht enttäuscht!

Pro:

– Tolles Artwork

– Schöne Musik

– Viele spaßige Rätsel

– Angenehmer Schwierigkeitsgrad

– gute DSA-Atmossphäre

– Spannende Story ohne Längen

Contra:

– hakelige Animationen

– kurze Freezes

– in einem Spielkapitel unfaire Rätsel

– Ladezeiten können nerven

Das Spiel kostet 34,99€ bei Amazon.de.

Weitere Reviews:

Ein Gedanke zu “Rezension: Das schwarze Auge – Satinavs Ketten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s