Mit Musik Stimmung erzeugen – oder den Hass der Spieler?

Meine liebste Musikanekdote vom Spieltisch: Cthulhu Now, Setting in New York. Auftakt der Kampagne „Unfassbare Mächte“, aus deren Umsetzung dann nichts werden sollte, weil sich ein Spieler entschloss, dass ihm Cthulhu keinen Spaß mehr machte. (Zu oft gestorben, im Krankenhaus oder Sanatorium gelandet.) Und einer der coolsten Spielercharaktere unserer Runden, ein talentloser Journalist, recherchierte gerade als Nacharbeit zu einem Artikel über New Orleanser Vampirkulte in The Big Apple.

Das war der ideale Aufhänger, um meinen liebsten NSC aus „Unfassbare Mächte“ einzuführen: Simon Magnus, den leicht dekadenten Vampirjäger. Wer den Band nicht kennt: Magnus ist eine Art moderner John Dee (oder Casanova), der sein gewaltiges Erbe ungarischer Vorfahren damit durchbringt, die Welt auf der Suche nach okkulten Vorkommnissen zu bereisen.

Die zentrale Szene dieses Kennenlernens sollte in der Industrial-Disko „The Katakomb“ stattfinden. (Während der beiden Spielsitzungen, an denen wir New York erkundeten, saß der Spieler, der später abspringen sollte, übrigens dabei und dachte über Charakterideen nach.) Der Journalist, der Magnus entfernt kannte, kam bei diesem unter und wurde von ihm auch standesgemäß in Gothic-Klamotte eingekleidet, um dann nach einem kleinen Abendimbiss in die Katakombe zu fahren.

Laut Kampagnenband spielt man dort vor allem Gothic und Industrial. Also brannte ich eine CD mit einer recht zufälligen Mischung alter Industrial-Stücke, hörte kurz rein und befand das als großartige Kulisse. Dialoge müssen gebrüllt werden, intime wie outtime. Und die Musik sorgt schon für sich genommen für reichlich (An-)Spannung.

Unsere normale Hintergrundmusik bei Cthulhu rekrutiert sich aus Filmsoundtracks (v.a. The Fog von Carpenter) und Musica Cthulhiana. Eine nette Abwechslung brachte die CD also auch. Womit ich nur leider nicht gerechnet hatte war die massive Outtime-Abneigung meiner Spieler gegen Bands wie Whitehouse und SPK, zu deren Stil sich die Wikipedia so äußert:

Die ersten Veröffentlichungen bis hin zu Leichenschrei sind überwiegend verstörende, monotone, lärmige Klangcollagen, unterlegt mit Stimmen und Schreien.

Sehr passend, wie ich fand. Unerträglich, wie meine Spieler fanden – einstimmig, auch wenn nur einer der Spieler tatsächlich intime dabei war. Wir lösten die Sache dann, indem sich der Abend recht schnell vom drogenvernebelten Tanzen zum vollkommenen Blackout wandelte. Ein zweiter Besuch der Katakombe wäre dann fast durch die drohende Beschallung mit Industrial verhindert worden. Experiment gescheitert.

Besonders bitter fand ich das, weil ich für gewöhnlich nur Hintergrundmusik einsetze, die ohnehin schon läuft, oder nachdem Spieler deren Fehlen angemahnt haben. Denn meist muss ich richtig spielleiten zustimmen: Hintergrundmusik braucht es höchstens in der Taverne, und wenn sie ansonsten läuft, wird sie schnell unpassend. Oder, und das kommt am häufigsten vor: Die Musik wird überhaupt nicht wahrgenommen und läuft bedeutungslos im Hintergrund. Immerhin diesem Schicksal war meine Scheibe entgangen.

Die CD lag bis letztes Wochenende übrigens noch immer in unserer RPG-Location herum – nachdem ich allerdings geäußert hatte, die könne man ja auch mal wieder hören, fürchtete ich um die Sicherheit des Silberlings und nahm ihn mit. Vielleicht weiß ja eine andere Gruppe ihren Inhalt zu würdigen.

Dies ist ein Beitrag zum Rollenspielkarneval im Mai zum Thema Flöten, Sänger, Synthesizer. Ausgerichtet wird er diesmal von Roachware.

5 Gedanken zu “Mit Musik Stimmung erzeugen – oder den Hass der Spieler?

  1. Dein Handeln war richtig😉, hätte mein Versprechen das Teil in den Müll zu werfen eingelöst.

    Zu Diesen Störgeräuschen, (Musik kann man dazu imo einfach nicht sagen – und ich würde mich Musik-technisch schon recht liberal einstufen, wenn man ne Mülltonne mit Schrauben und Müttern füllt und das ganze in die Waschmaschine steckt kommt da wahrscheinlich melodischeres Zeug dabei raus) kann ich nur sagen: ok, wenn man meint das das als Hintergrund passend ist, von mir aus – aber sich das freiwillig anhören? ohne mich.

    Zu Musik am Spieltisch: wenn es passend ist gerne, aber muss zugeben das als ich kurz gemeistert hab, mir das zu viel Arbeit war mich mit dem Vorhanden Zeug ernsthaft auseinander zu setzten um was sinnvolles zu machen, und hab deshalb einfach drauf verzichtet. Wenn man es schafft stimmige Musik zu präsentieren, dann ist das in meinen Augen einfach nur ein Plus (natürlich nur wenn man dazu nicht andauernd ewig lang CD wechseln muss oder so)

  2. Ich kann verstehen, dass man ein wenig allergisch reagiert, wenn eine Musik läuft, mit der man so gar nix anfangen kann – und dann auch noch in einer Lautstärke, die jede „normale“ Unterhaltung unmöglich macht. Das verursacht erstmal Stress.

    Ich selber kann mir das Spielen ohne Musik gar nicht vorstellen, zu wichtigen Szenen haben wir eigentlich auch immer die passende Musik und wenn wir in einer Stadt sind oder auf Reisen, gibts auch dafür die richtige Musik. Ich sehs aber auch nicht so eng, ich stürze nicht sofort aus meiner Rolle, wenn die Musik mal nicht so 100% ist. Musik unterstützt mich, mich besser in die Welt und meinen Charakter einzufinden und im Gegensatz zu Dir habe ich auch nichts gegen Musik im Hintergrund, die man kaum wahrnimmt🙂

    1. Richtig dagegen habe ich auch nichts, wenn nur etwas im Hintergrund plätschert – aber häufig braucht es das dann einfach nicht. Sehr positiv erinnere ich mich übrigens an eine Seeschlacht (Phileassonsaga, Seeschlangen), in deren Hintergrund das „Pirates of the Caribbean“-Theme in Endlosschleife lief. Da hat das einfach gepasst. Alestorm oder so während eines Tavernenbesuchs schadet auch nicht. Wogegen ich mich wehre: Dass immer Musik laufen muss. Kommt in vielen Runden vor. Meist stört nicht, was raus kommt, aber wenn es stört, dann richtig. Ich denke, ein gezielter Verzicht wäre teilweise besser.

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