HPL als Literat und Philosoph: Eine kurze, kommentierte Literaturliste

Wie schon gebloggt sichte ich aktuell Sekundärliteratur zu Lovecraft und seinen philosophischen Ideen für ein Referat vor der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg, das bereits am Mittwoch zu halten ist. Wer Lust, Zeit und keine zu lange Anfahrt nach Nürnberg hat, ist herzlich willkommen, der Eintritt ist dort grundsätzlich frei.

Nun zur verwendeten Literatur:

Der Einsiedler von Providence (Rottensteiner, Franz [Hrsg.])

Der Sammelband konzentriert sich eher auf HPLs Leben denn auf sein Werk. (Trivial zu sagen, dass sich beides bedingt.) Es finden sich hier minutiöse Analysen zu seinen Eltern und Tanten und dem Einfluss, den diese auf seinen Lebenswandel hatten, wie sich die permanente Bemutterung durch weibliche Bezugspersonen auswirkte und wie es um Lovecrafts Geschlechtsleben bestellt war. Seine einzige Ehefrau Sonia Greene – die Ehe endete eher unspektakulär – berichte in „Das Privatleben H. P. Lovecrafts“ in der dritten Person über ihren Ehemann; es gibt einen präzisen und kurzen Überblick von T. W. Scott sowie eine exzellente Einführung von S. T. Joshi; und abschließend ein lesenswertes Interview mit Lovecrafts Freund Harry Brobst, der ihn noch kurz vor seinem Tod interessanterweise als „springlebendig“ bezeichnet. Insgesamt ein sehr lesenswerter Band.

H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen (Rottensteiner, Franz [Hrsg.])

Dieser Band bot die unterhaltsamste Lektüre und wurde auch zur wichtigsten deutschsprachigen Quelle. (An Joshi kommt man naturgemäß nicht vorbei.) Den ersten Artikel steuert wieder S. T. Joshi bei; Fritz Leiber jr. widmet sich in einem Artikel Lovecraft als „literarischem Kopernikus“; Dirk Mosig untersucht Derleth als Mythenschöpfer um HPL. Und das sind nur die Highlights, bis auf Marek Wydmuchs Beitrag „Der erschrockene Erzähler“ haben mir alle Artikel gefallen.

The Philosophy of H. P. Lovecraft (Airaksinen, Timo)

Als ich das Buch im Katalog der Unibibliothek fand, freute ich mich natürlich – genau mein Thema. Dachte ich. Aber leider handelt es sich bei diesem Werk um eine fast ausschließlich ästhetisch-linguistische Analyse, wie schon Joshi in der Einleitung zu Band 5 der Collected Essays bemerkt (s.u.): „The somewhat misleadingly titled `The Philosophy of H. P. Lovecraft´ by Timo Airaksinen is largely a discussion of Lovecraft’s use of language.“ Zumindest partiell anregend fand ich die Diskussion um „Unreadability and Unwriting“, sodass die Lektüre nicht umsonst war.

H. P. Lovecraft – der Poet des Grauens (Alpers, H. J. [Hrsg.])

Kein rundum runder Band, der psychoanalytische Ansatz des Essays zu „The Outsider“ etwa sprach mich gar nicht an, passt aber zur Publikationszeit (1983). Die Zusammensetzung aus Interpretationen und Primärtexten Lovecrafts überzeugt, und gerade der Einsteiger in den Komplex Lovecraft bekommt mit zwei Briefen, den Stories „Dagon“ und „The Outsider“ sowie Lovecrafts Aufsatz „The Weird Tradition in America“ einen guten Einblick in sein Prosawerk. Für Rollenspieler vielleicht interessant ist Thomas Loocks kurze Rezension „Kann man mit den Großen Alten auch spielen?“ zu „Call of Cthulhu“, in der auch der Rollenspielmarkt und die (noch junge) Rollenspielgeschichte um 1983 angesprochen werden.

Collected Essays Volume 5: Philosophy, Autobiography & Miscellany (Joshi, S. T. [Hrsg.])

Die wichtigste englischsprachige Quelle, sowohl wegen der Primärtexte wie auch wegen Joshis Anmerkungen. Die ersten knapp 150 Seiten beinhalten HPLs Aufsätze und Artikel zu philosophischen Themen, darunter die tatsächlich auch philosophisch intendierten Essays zu Metaphysik, Ethik, Ästhetik und politischer Philosophie. (Zur Erkenntnistheorie hat Lovecraft wohl nie etwas Systematisches publiziert oder auch nur geschrieben.) Seine „Confession of Unfaith“ findet sich ebenso wie eine sehr kurze Autobiographie, Bücherlisten zu verschiedenen Themen und Zwecken und einige Tagebuchaufzeichnungen und Story-Notizen.

H. P. Lovecraft (Joshi, S. T.)

Dieser online verfügbare Essay, den ich erst während meiner fortgeschrittenen Arbeit am Referat entdeckte, ist die modifizierte Einleitung zu „An Epicure of the Terrible: A Centennial Anthology of Essays in the Honor of H.P. Lovecraft“. Besonders der dritte Abschnitt, „Philosophy“, diente dann als kompakte Quelle, in der die wichtigsten philosophischen Ideen in der Lovecraft’schen Fiction besprochen werden.

Was ich alles nicht benutzt habe

Sinn und Zweck des Referats ist es, einem philosophisch vorgebildeten, aber in Sachen Lovecraft unbedarften Publikum einen Einblick in Leben, Werk und Denken HPLs zu geben – mit einer zeitlichen Beschränkung auf 45-60 Minuten. In dieses Zeitfenster passt nicht viel rein, und Kürzen war meine hauptsächliche Aufgabe. Das begann schon bei der Literatur.

Alleine von Joshi gibt es mit „The Rise and Fall of the Cthulhu Mythos“ und „The Decline of the West“ zwei weitere Bände, die man für eine umfangreiche Recherche zu Philosophie und Denken HPLs wohl gelesen haben sollte. Für weitere Literaturtipps bin ich dankbar, man weiß ja nie, wann man auf solch spannende Themen zurück kommen möchte.

6 Gedanken zu “HPL als Literat und Philosoph: Eine kurze, kommentierte Literaturliste

  1. Hast Du absichtlich Michel Houellebecqs „Gegen die Welt, gegen das Leben“ (Contre le monde, contre la vie) ausser Acht gelassen?
    Ich fand dieses Buch sehr aufschlussreich.

    1. Es stand in den Notizen meiner ersten Recherche, steht jetzt nocha uf meiner (ellenlangen) Leseliste, aber ich habe es fürs Referat außer acht gelassen.

      Die Wikipedia schreibt dazu (http://en.wikipedia.org/wiki/H._P._Lovecraft:_Against_the_World,_Against_Life):

      Also noted is Houellebecq’s exegesis of Lovecraft’s racial preoccupations, which he traces to a 24-month period Lovecraft lived in the comparatively racially mixed New York City of the 1920s,[3] where, Houellebecq says, Lovecraft learned to take „racism back to its essential and most profound core: fear.“

      Ich hatte Vernon Sheas Aufsatz „Das Haus und die Schatten“ eher in der Hinsicht interpretiert, dass sein Antisemitismus und sein Rassismus eher Jugendphänomene waren und sich mit der zeit milderten (auch wenn mir einige spätere Briefstellen mit rassistischen Kommentaren bekannt sind). Ist das bei Houellebecqs schlüssiger?

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